Lobeslieder

Der den Leuten aufs Maul schaut

von Bobby Bösiger

Vorsicht: Der erste Eindruck kann täuschen! Unser Mann gibt sich nämlich gerne als jemand aus, der er nicht ist. Als Bauinspektor, zum Beispiel. Als einer von der Sittenpolizei. Als Schulmeister. Als «Herr Blocher». Oder als was weiss Gott auch immer.

Weshalb er dies tut, erschliesst sich einem erst, wenn man ihn näher kennt: Er geniesst es nämlich, wenn das Gegenüber zumindest irritiert ist. Und er kostet den Moment aus, wenn der Ahnungslose oft nur mit etwas Unterstützung realisiert, dass er soeben einem Schelm aufgesessen ist.

Es ist gleichzeitig der Moment, an dem das «Opfer» Gefallen findet an ihm. Der Moment, an dem auf einen Schlag klar wird, dass es sich bei diesem Herrn um einen an sich sympathischen, unterhaltsamen, offenen und liebenswerten Menschen handelt.

Wie der Vater, so der Sohn

Heiner Oberer. So heisst er. Doch wer ist dieser Heiner Oberer wirklich?

Beim Kindergarten wollen wir nicht beginnen. Können wir auch gar nicht; den hat er ausgelassen. Dafür bei seinem Vater. Eduard Oberer (1913–92) pflegte nicht nur das Brauchtum, er sorgte dafür, dass längst Vergessenes zu neuem Leben erweckt wurde. Den Eierläset reaktivierte er ebenso wie das Hutzgüri. Und hinter den Kulissen sorgte er dafür, dass der fasnächtliche Chienbäse-Umzug aufgewertet wurde.

Doch der Vater war mehr. Er las; so wurden im Hause Oberer statt ferngesehen Berge von Büchern verschlungen. Er pflegte die Traditionen. Er erzählte Geschichten aus dem Kopf. So hielt er auch die Sprache am Leben, vor allem auch die Mundart. Nahm Klein Heiner das Wort Butter in den Mund, wies ihn der Vater zurecht. «Anke» sei dies. Und hier, das sei «Schungge» und nicht «Schinke». Heute ist es der Sohn, der die Leute darauf aufmerksam macht, wie dieses oder jenes Wort in Mundart richtig ausgesprochen wird.

Weit gereist, nahe beim Volk

Mit der Sprache hatte Heiner Oberer immer ein leichtes Spiel. Mit Deutsch, mit Englisch, mit Französisch. Und mit Schwedisch: In den Jahren ab 1977, als er als junger Metzger und Koch auf dem schwedischen Festland sowie auf dem Schiff «MS Sagafjord» anheuerte, lernte er rasch. Noch heute versteht er die schwedische Sprache, obwohl seit den Auslandjahren bald drei Jahrzehnte ins Land gegangen sind.

Im Nachhinein erweist sich die Zeit «draussen in der Welt» als entscheidend. Hätte er sie ausgelassen, hätte er womöglich seine Passion für Mundart und seine Liebe zum heimatlichen Boden nie entdeckt. Erst durch die erlebte Distanz fand er die Nähe, die Verbundenheit zur Heimat und zu den Gegebenheiten und Gebräuchen hier.

Heiner Oberer hat sich einen Namen gemacht. Als Mundartkolumnist. Und als einer, der auch scheinbar heikle Situationen mit einem Augenzwinkern in Worte fassen kann. Wer wöchentlich eine Kolumne in der «Basler Zeitung» und alle paar Wochen in der «Volksstimme» veröffentlicht, ist mit wachen Augen und Ohren unterwegs. Er hört sich um, beobachtet und spricht mit den Leuten. Er schaut ihnen aufs Maul. So kommt er an die Themen heran, über die er sich auslässt. Er tut dies nie belehrend oder missionarisch. Im Gegenteil, seine Texte zeugen von einem offenen, toleranten Wesen.

Mundart-Guru wider Willen

Diese Offenheit gilt auch für das Schreiben selbst. Mundart-Puristen, die ein Wort so und nur so geschrieben gelten lassen, sind ihm suspekt. «Ich habe immer gesagt, das Hutzgüri muss Platz haben neben dem Skateboard. Beides muss Platz haben.» Mit anderen Worten: Das Alte bewahren und weitertragen. Das Neue aber zulassen und nicht eine Schutzmauer bilden.

Für Viele ist Heiner Oberer heute eine Art Mundart-Guru. Das Attribut missfällt ihm. Die Sprache lebe, so auch die Mundart. Sie entwickle sich weiter. Das sehe man am besten, wenn man die heutige Mundart mit der Sprache von Traugott Meyer vergleiche. «Damals war diese Mundart richtig, heute ist es eben anders.»

Wenn ihn also jemand um Rat angeht, wie man dies oder jenes schreibt, so wird er nur die «gröbsten Böcke» richtigstellen wollen. Und sagen: «Ich würde es so schreiben.» Die eine Mundart, sagt er, gebe es nicht. Weil die Vermischung verschiedener Einflüsse zu gross sei. Zudem: «Die Mundart, beeinflusst durch moderne Kommunikationsformen wie SMS, E-Mails, Facebook und dergleichen, ändert sich ständig.»

So gehört er weder zu jenen, die tunlichst darauf achten, neue Wörter nicht auf Mundart zu schreiben. Noch zu jenen, die alte Wörter um der Wörter willen verwenden. Oberer: «Die Mundart darf nicht zu einer Kunstsprache werden, die mit dem heutigen Leben nichts mehr zu tun hat.» Tatsächlich gebe es Mundartbegriffe, die «aussterben», weil es die dazugehörenden Tätigkeiten oder Gegenstände gar nicht mehr gebe.

Rechthaberisch will Heiner Oberer nicht sein. Was ihn aber stört, ist weniger die Tatsache, dass Begriffe nicht so geschrieben werden, wie er sie schreiben würde. Gravierender sei es, wenn die Wörter ständig anders geschrieben würden – zuweilen im selben Text. Er nennt ein Beispiel: Die Fasnachtsgesellschaft Sissach habe es einmal in einem Inserat geschafft, «Strooss» dreimal anders zu schreiben. Oberer: «Lieber dreimal falsch – ‹falsch› gibt es sowieso nicht –, aber dann mindestens immer gleich.»

Beobachter und Genussmensch

Wer ist dieser Heiner Oberer? Je nachdem, in welcher Angelegenheit man mit ihm in Kontakt kommt, sind unterschiedliche Beurteilungen möglich. Die folgenden treffen auf jeden Fall zu, für sich allein oder kumuliert:

  • Er ist meistens fröhlich und zu jedem Spass bereit. Wer ihn aber kennt, weiss, dass er in seinem Inneren häufig nachdenklich und ernst ist.
  • Er ist beschlagen, witzig und eloquent, kann aber auch gut zuhören.
  • Er sieht sich gerne und ist gerne im Mittelpunkt, kann aber auch zurückhaltend beobachten.
  • Er ist sehr belesen, weit gereist und vielseitig interessiert, ist deshalb aber nie überheblich.
  • Er ist pünktlich, zuverlässig und eher ungeduldig, ist aber auch grosszügig und nicht nachtragend.
  • Er liebt verbale Übertreibungen ebenso wie die feinen Töne, laute Töne aber meidet er.
  • Er kokettiert damit, einem der ältesten Sissacher Bürgergeschlechter zugehörig zu sein, gehört aber nicht zu jenen, die «unter sich bleiben» möchten.
  • Er kocht fürs Leben gern, lässt sich handkehrum aber gerne auch verwöhnen. Und er liebt – obwohl önologischer «Spätzünder» – einen guten Tropfen Wein über alles; davon zeugt sein stattlicher und gepflegter Weinkeller.

Auf vielen Hochzeiten

Wer so ist wie Heiner Oberer, kennt naturgemäss viele Leute. Und viele kennen ihn: vom Turnverein. Über die lokale Politik; er war Mitbegründer der in Sissach erfolgreichen politischen Vereinigung «Stächpalme» – zusammen mit der Grünen-Nationalrätin Maya Graf. Über das Brauchtum («Hutzgüri») und die Fasnacht; er war langjähriger Chluriredner und Schnitzelbänkler und ist Mitglied der «Söidryyber». Über die Liebe zum Wein; er organisiert Weinreisen und Degustationen. Über die Kultur; er half mit, die kulturelle Vereinigung Sissach zu reaktivieren. Über Naturschutzkreise; er war aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Heimatschutz. Darüber hinaus fährt er als überzeugter
Nichtautofahrer leidenschaftlich gern Velo.

Alle diese Einflüsse bieten Stoff für Geschichten. Inhalte für Kolumnen. Über Alltagssituationen, aus dem Leben gegriffen, zugespitzt und in Mundart dargereicht auf Zeitungspapier. Heiner Oberers Texte bringen uns zum Schmunzeln.

«Ummeloose. Ummeluege.»

Seit die «Volksstimme» und die «Basler Zeitung» die Texte von Heiner Oberer publizieren, wird er darauf angesprochen. Zunächst eher von solchen, die etwas auszusetzen hatten an seiner Mundart. Zuweilen nahm die Korrespondenz mit berufenen Mundart-Sachverständigen mehr Zeit in Anspruch als das Schreiben einer neuen Kolumne. Zunehmend aber wurde und wird er von Zeitgenossen angesprochen, die sich vom Inhalt seiner Texte angesprochen fühlen oder – noch besser – sich darin wiedererkennen.

An Tagen, an denen die «Volksstimme» eine neue Kolumne veröffentlicht, kann der Gang ins Dorf schon mal zu einem längeren Spaziergang werden. Die Leute wollen sich mit ihm unterhalten. Solche Momente geniesst er auf seine Weise. Dass er dabei gleichzeitig immer auch auf der Suche nach neuen Sujets ist, braucht er den Leuten ja nicht auf die Nase zu binden.

Für ihn aber gilt: «Ummeloose. Ummeluege. D Augen offe haa.»